#8 Import aus China – Welche Alternativen gibt es in Asien?

Wenn es um die Beschaffung in Low-Cost-Countries geht, nimmt China eine Spitzenposition ein. Das hat sich inzwischen auch in den meisten Köpfen verfestigt. Fragt man nach dem günstigsten Produktionsstandort für einen beliebigen Artikel, wird die Standardantwort deshalb in der Regel „China“ lauten – Experten für dieses Produkt einmal ausgenommen. Natürlich gibt es Alternativen zu China – aber diese werden oftmals gar nicht in Betracht gezogen. Ein Fehler?

Auch wenn oft vieles für China spricht: Es ist sicher nicht verkehrt, sich vor der Entscheidung für einen Beschaffungsmarkt auch die wichtigsten Wettbewerber anzusehen. Dazu gehören vor allem Indien, Thailand, Vietnam, Malaysia, Indonesien, Singapur, die Philippinen und vielleicht noch Pakistan. Neben China sind das die Niedriglohnländer, die von europäischen Einkäufern am meisten beachtet werden. Doch wie und nach welchen Kriterien soll man sich am besten entscheiden?

Wonach bewertet man Beschaffungsmärkte?

Um einen ersten Eindruck der diversen Länder als Beschaffungsmarkt zu erhalten, sind allgemeine Daten zum Exportvolumen ein guter Anhaltspunkt. Im Vergleich der ost-asiatischen Länder China, Thailand, Vietnam, Malaysia, Indonesien, Singapur und der Philippinen ergibt sich dabei folgendes Bild:
Exporte Asien
Exporte Asien
Neben diesen absoluten Zahlen lässt sich der Zuwachs der Exporte im Zeitverlauf als kumulierte jährliche Wachstumsrate darstellen, die aufzeigt, wie attraktiv ein Beschaffungsmarkt ist.
Kumulierte Wachstumsrate Exporte
Kumulierte Wachstumsrate Exporte
Vergleicht man nun die Lohnkosten der Länder miteinander, so zeigt sich, dass Singapur – mit großem Abstand vor Malaysia – die höchsten Lohnkosten hat, allerdings gepaart mit der höchsten Produktivität der Arbeiter. Vietnam hingegen bietet die niedrigsten Lohnkosten, aber auch die niedrigste Produktivität.

Vietnam empfiehlt sich aufgrund dieser Daten eindeutig als Aufsteiger und als ein Markt, dem man in Zukunft viel Beachtung schenken muss. Wegen der fortgeschrittenen Entwicklung und den damit verbundenen höheren Kosten kommen Singapur und Malaysia sicher nicht mehr für alle Produkte in Frage – wohl aber dann, wenn ausgewählte, technologisch anspruchsvolle Produktionen gefragt sind. Die Philippinen und Indonesien sind aktuell, auch wegen ihrer etwas instabileren (wirtschafts-)politischen Lage, noch etwas ungefestigt.

Die genannten Daten und Kenngrößen vermitteln jedoch nur eine allgemeine Einschätzung eines Beschaffungsmarktes. Hinweise für den gezielten Einkauf bestimmter Produkte erhält man dadurch nicht. Wie also findet sich der am besten geeignete Beschaffungsmarkt für ein Produkt?

Ein wertvoller Indikator: spezifische Exportstatistiken

Je mehr ein Land von einem Produkt (gemessen am Wert in US-Dollar) exportiert, desto attraktiver scheint es international dazustehen. Für Niedriglohnländer stimmt diese Pauschalisierung unter der Annahme, dass die Zunahme an Exportvolumen nicht durch steigende Preise verursacht wird, auch weitgehend. Um die Attraktivität eines Exportlandes zu beurteilen, genügt es jedoch nicht, nur die absolute Größe des Exportvolumens zu betrachten, man muss auch einen Blick auf die Entwicklung dieser Kenngröße im Zeitverlauf werfen. Nehmen beispielsweise die Exportzahlen für ein bestimmtes Produkt pro Jahr um 30 % zu, so ist dies ein gutes Anzeichen – selbst wenn der Zuwachs von einem niedrigen Niveau ausgeht.

Auskunft über derartige Kenngrößen können die Ämter für Statistik in den einzelnen Ländern liefern, die WHO, die United States International Trade Commission http://dataweb.usitc.gov/ oder die UN unter http://comtrade.un.org/db/.

Ein entscheidender Faktor: die Rohstoffverfügbarkeit

Trotz billiger Arbeitskräfte kann die Produktion unverhältnismäßig teuer werden, wenn nötige Rohstoffe nicht verfügbar sind oder ihre Einfuhr aufgrund lokaler Bestimmungen erschwert ist. So sind z.B. methanolhaltige Produkte in Malaysia im Gegensatz zu ethanolhaltigen Erzeugnissen, die dort kaum verfügbar sind, sehr günstig. Aus demselben Grund sind schwere Zeichnungsteile aus Stahl in China billiger zu produzieren als in Thailand, da dort der Stahl erst teuer importiert werden muss.

Gibt es wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Förderung oder Beschränkung des Handels im Herstellungsland?

Steuervergünstigungen oder aber auch hohe Export-Quotas können einen elementaren Einfluss auf die Beschaffungspreise haben. Da viele Länder nur über mäßig stabile politische Systeme verfügen, sollte unbedingt auch das Risiko plötzlicher Änderungen abgewogen werden – denn ein Kostenvorteil kann nach Abschaffung der entsprechenden Maßnahmen schnell zum gravierenden Nachteil werden. Informationen findet man unter anderem auf Webportalen, die die meisten Länder zur Unterstützung des internationalen Handels eingerichtet haben:

Wie sehen Zölle und Handelsbeschränkungen im Zielland aus?

Noch bevor ein Beschaffungsmarkt im Detail analysiert wird, sollten unbedingt die aktuellen Zolltarife und vor allem die laufenden Anti-Dumping-Verfahren bzw. die in Kraft tretenden Anti-Dumping-Verfahren überprüft werden. Für die Europäische Union erhält man eine Übersicht der laufenden und abgeschlossenen Anti-Dumping-Verfahren im Internet unter http://ec.europa.eu/trade/issues/respectrules/anti_dumping/stats.htm. Auskünfte über die Zollsätze bzw. etwaige Zollvergünstigungen gibt es ebenfalls online unter www.zoll.de (TARIC).

Entscheidungen nicht aufgrund erster Eindrücke fällen

Nach einer ersten Analyse anhand obiger Indikatoren gelingt es zumeist, ein bis drei interessante Beschaffungsmärkte zu identifizieren. Ein intensiver Vergleich der Beschaffungsmärkte  inklusive eingehender Analyse der Produktionsmöglichkeiten in Bezug auf Qualität und Quantität sowie ein exakter Preis- und Risikovergleich rechnen sich allerdings ob des hohen Aufwandes zumeist erst bei sehr großen Volumina. Um Risiken auszuschließen, sollten Entscheidungen über Produktionsstandorte aber grundsätzlich nur auf einer ausreichenden Datenbasis getroffen werden.

Sie haben noch Fragen zum Thema? Wir beraten Sie gerne, welcher Beschaffungsmarkt in Asien für Sie am geeignetsten ist.

Aktuelle Tageskurse

Quelle: EZB, alle Angaben ohne Gewähr.