#9 Welche Möglichkeiten bietet die Beschaffung von Metallteilen in China? Welche Herausforderungen gilt es dabei zu meistern?

Interessieren Sie sich für den Bezug von Metallteilen aus China, wissen aber nicht, welche Klippen dabei zu umschiffen sind? Durch unsere jahrelange Erfahrung in diesem schwierigen und umkämpften Markt haben wir jede Menge Erfahrung gewonnen, die wir Ihnen hiermit weitergeben möchten.

China, der Stahlgigant
Der Werkstoff „Metall“ hat in China eine große Bedeutung – ist er doch nicht nur eines der fünf Elemente des chinesischen Horoskops, sondern ist auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für das Land. Schon seit Jahren führt China die Liste der Stahlproduzenten an, aktuell stellt China mehr als ein Drittel der Weltstahlproduktion. Seit 2005 steht das Reich der Mitte auch als Exporteur in diesem Bereich an der Spitze. Die hohen Importe, die Deutschland aus China einführt, gehen jedoch stark zu Lasten der deutschen Stahlindustrie, die in den letzten Jahren deutliche Einbrüche verzeichnen musste. Auch bei Aluminium und Kupfer zeigt sich die Dominanz Chinas.
Die Stahlindustrie wuchs, gemessen an der Ausstoßmenge, von 2006 auf 2007 um weitere 21 % an. Inzwischen mehren sich jedoch die Anzeichen, dass die Regierung in Peking versucht, dieser rein outputorientierten „Tonnenideologie“ entgegenzusteuern und Kriterien wie Effizienz und Umweltverträglichkeit in den Vordergrund zu stellen.

Metallbearbeitung in China
Für Interessenten im Bereich Einkauf von Norm- und Zeichnungsteilen aus Metall in China scheinen also die besten Voraussetzungen zu bestehen. Die verschiedenen in dieser Industrie angewendeten Verfahren – wie drehen, fräsen, schmieden, sintern und in einem weiteren Sinne auch galvanisieren – bergen bezogen auf den Beschaffungsmarkt China jeweils unterschiedliche Risiken, die beachtet und im Falle des Falles genau eruiert werden müssen. Wie im Bereich Rohmaterialerzeugung ist China auch bei der Metallverarbeitung schon seit über zehn Jahren global sehr präsent.

Regionale Verteilung der metallbearbeitenden Industrie in China
 Der Großteil potentieller Lieferanten im Bereich Metallverarbeitung sitzt, wie der Großteil der Industrie in China, an der Ostküste. Grundsätzlich gilt, dass ein Lohn- und Qualifikationsgefälle von West nach Ost und von Nord nach Süd beobachtbar ist – vor dem Hintergrund dessen ist leicht nachvollziehbar, dass im Hinterland von Hong Kong vermehrt die High Tech-Industrie und Lieferanten sitzen, an die hohe technische Anforderungen gestellt werden. Aber auch in der Nähe von Shanghai entwickelt sich vor allem in der Umgebung von Kunshan eine Hochburg von Lieferanten - vor allem im Bereich Prägen und Stanzen - auf Weltniveau.
Der Bereich Metallverarbeitung ist am stärksten in der Zhejiang und fast ebenso stark in der Jiangsu Provinz präsent, was durch die Nähe zu den Automobilzentren in Shanghai zu erklären ist. Durch die strengen Qualitätsanforderungen der Autmotive Industry haben sich hier zum Großteil hochwertige Lieferanten entwickelt.
Auch alle weiteren speziellen Metallteile haben jeweils "ihre" Provinz. Wenn Sie darüber nähere Informationen möchten, dürfen Sie uns gerne kontaktieren.
Diese Kategorisierung kann als erster Hinweis, wo ein potentieller Lieferant identifiziert werden könnte, dienen, darf jedoch nicht dazu verleiten, andere Provinzen völlig außer Acht zu lassen. Es ist durchaus möglich, dass sich der beste Lieferant in einer ganz anderen Provinz findet. Anhaltspunkte, wo man mit der Recherche beginnen könnte, sollten vielmehr Kriterien wie die Anbindung an Logistik und (möglicherweise schon bestehende, wenn bspw. schon ein weiterverarbeitender Betrieb identifiziert wurde) Infrastruktur sein.

Identifizierung geeigneter Hersteller
Neben dem Internet mit seinen diversen Beschaffungsplattformen bieten besonders Fachmessen eine gute Möglichkeit, mit potentiellen Lieferanten in Kontakt zu treten. Es empfiehlt sich, den Messebesuch schon im Vorfeld vorzubereiten und sich über das Ausstellerverzeichnis über interessante Firmen, die persönlich kontaktiert werden sollen, zu informieren.

Herausforderungen beim Einkauf von Metallteilen - grundsätzliche Überlegungen
Bei der Auswahl des optimalen Lieferanten müssen die Gesamtkosten, die sich aus Einkaufspreis, Logistik, Risiken bei Qualität und Termintreue und dem Ausschuss bei der Ware zusammensetzen, betrachtet werden.
Betrachtet werden sollten unter anderem auch folgende Punkte:
  • Unternehmensstruktur: Ist die Firma komplett in chinesischer Hand oder ist ein ausländischer Investor mitbeteiligt?
  • Ein weiterer Faktor, der gerade in der Metallbearbeitung, die eine hohe Prozesssicherheit erfordert, beachtet werden sollte, ist die Exportorientierung. Eine starke Exportorientierung hat sowohl Vor- als auch Nachteile.
  • Vorhanden-sein von Zertifikaten (z. B. ISO 9000:2001) - aber Achtung: Wenn ein Zertifikat vorhanden ist, bedeutet dies weder, dass es echt ist noch, dass die Anforderungen des Zertifikats tatsächlich umgesetzt werden!
  • Verfügbarkeit von Rohmaterialien vor Ort
"Ich versteh nur chinesisch - welcher Standard gilt denn nun für mein Produkt?"
Eines der Probleme, die dann entstehen, wenn der Rohstoff nicht vor Ort ist, ist die unterschiedliche Standardisierung der Materialien: In Deutschland werden in der Entwicklung oft Materialien nach dem DIN-Standard spezifiziert, in China wird jedoch hauptsächlich mit chinesischen oder amerikanischen Standards gearbeitet. Gerade bei Sicherheitsteilen (wie z. B. der Automotive Industry) kann ein Materialwechsel ohne vorherige zeit- und kostenaufwändige Prüfung nicht realisiert werden oder es stellt sich nach der Prüfung heraus, dass das Ersatzmaterial nicht die selben physikalischen Eigenschaften hat wie das Originalmaterial.
 
Auch die Mehrwertsteuer darf im Beschaffungsprozess nicht außer Acht gelassen werden.

Die Mehrwertsteuer ist für die chinesische Regierung nicht nur ein fiskalisches, sondern auch ein Mittel zur Förderung respektive Einschränkung von Branchen mit geringer Wertschöpfung und/oder hohem Ressourcenverbrauch. 
Im Wesentlichen basiert das System für Produkte, die nicht unter die Maßgaben der Lohnveredelung (Import von Rohmaterial oder Halbfertigwaren und Veredelung in China und anschließender Export) fallen, im Groben wie folgt:
Aktuell existiert in China ein Mehrwertsteuersatz von 17%. Anders als in Europa dürfen Verkäufe ins Ausland nicht mehrwertsteuerfrei erfolgen; abhängig von der jeweiligen Produktkategorie, die über den sog. HS-Code ermittelt wird, erhält der Exporteur entweder einen Teil oder die komplette Mehrwertsteuer zurück. Seit einiger Zeit erhebt China auf gewisse Produktgruppen einen sogenannten „export tariff“, ein Exportzoll, der auf den reinen Warenwert bis Anlieferung zum Hafen zu entrichten ist.
Vor Aufnahme einer Exportbeziehung mit China sollten unbedingt Informationen über die derzeit geltenden Bestimmungen und Steuersätze eingeholt werden. Man sollte auch versuchen, ein Gefühl für die Absichten der Regierung, die hinter den Regulierungen stecken, zu bekommen.

Geringe Fertigungserfahrung, Job Hopping und Ingenieursmangel - ein Problem für die metallbearbeitende Industrie
Bedingt durch die geschichtliche Entwicklung Chinas ist in China aktuell nur ein sehr geringer in der Metallverarbeitung fertigungserfahrener Personalstamm vorhanden, ferner herrscht ein starker Ingenieursmangel. Auf die Qualität kann dies sehr negative Auswirkungen haben, vor Allem dann, wenn der Lieferant nicht intensiv qualifiziert und ihm bewusst gemacht wird, dass er sein Wissen und seine Erfahrungen auch an jeden einzelnen seiner Mitarbeiter weitergeben muss.
Doch auch wenn gute chinesische Metallfachkräfte vor Ort sind, darf man sich nicht in falscher Sicherheit wiegen: Fluktuationsraten von monatlich bis zu 10 % sind im Fertigungsbereich Chinas keine Seltenheit. Die neuen Mitarbeiter sind oft schlecht qualifiziert - doch da die Produktion nicht stillstehen darf, wird eben weiter produziert.
Der geringen Fertigungserfahrung ist auch eine geringe Prozesssicherheit geschuldet, was besonders für den Bereich Metallverarbeitung problematisch ist. Für einen potentiellen „Metall-Outsourcer“ bedeutet dies zweierlei: zum einen, dass man in China nicht automatisch mit einer kontinuierlichen, hohen Qualität rechnen darf. Zum anderen bedingt dieses Minimum an Prozesssicherheit eine geringe Innovationsorientierung – will man neue Produktionsprozesse implementieren, benötigt man dafür viel Geduld und einige Probedurchläufe. Der Bezug von Metallteilen aus China bietet sich daher  eher für normnahe oder wenig komplexe Zeichnungsteile an. Die Produktion von Normteilen ist durch den hohen Automatisierungsgrad aufgrund der gestiegenen Lohn- und Energiekosten in China jedoch oft schon nicht mehr lohnenswert. Wichtig ist (abgesehen von speziellen Einzelfällen) ein ausreichend großes Volumen, sprich eine ausreichende Seriengröße, was auch am ehesten interessant für den potentiellen Metallteile-Lieferanten ist. 

Spezialfall: Oberflächenveredelung in China
Einen Sonderfall stellt die Oberflächenverdelung in China dar. Hierbei wird die Oberfläche eines Werkstück durch bestimmte Verfahren bearbeitet. Dieser Schritt wird in den meisten Fällen outgesourct, d. h. das Werkstück entsteht in Fabrik A und wird zur Veredelung an Fabrik B - die natürlich möglichst kostengünstig sein soll, was nicht selten zu qualitativen Einschränkungen führt - geschickt. Gerade wenn der Prozess ein äußerst sauberes Arbeitsumfeld notwendig macht oder andere Anforderungen an die Oberfläche gestellt werden, ist die Auswahlfreiheit bei der Identifizierung potentieller Lieferanten stark eingeschränkt. Doch auch bei qualitativ niedrigeren Ansprüche stellen sich bei diesem Thema Probleme: Oft werden billigste Chemikalien verwendet, was zum einen in einem schlechten Ergebnis resultiert, zum anderen unter Umweltaspekten katastrophal zu beurteilen ist. Da der chinesische Chef aufgrund von Kostenaspekten und Unkenntnis auch sehr oft keine Schutzkleidung für seine Angestellten anordnet, sind auch die Arbeitsbedingungen schlecht. So kann es sein, dass das Werkstück qualitativ zwar gut ist, die Oberflächenveredelung dafür aber schlecht. Dies kann man nur durch eine sorgfältige und strenge Auditierung beim Lieferanten oder einem eigenen Mann vor Ort verhindern – unter Kosten- und Zeitaspekten wird der Prozess dadurch dann aber oft unrentabel.
Vor allem bei solchen sensiblen Prozessen ist also zu überlegen, ob diese nicht besser in Europa durchgeführt werden sollte. Da eine Nacharbeit oder ein Ausschuss, der bei in China veredelten Produkten oft in einer hohen Menge anfällt, entfällt, ist es oft wesentlich günstiger, nur die Produktion des Metallstücks outzusourcen, den Veredelungsprozess aber in Europa durchführen zu lassen.

Fazit: Mit einer genau durchdachten Beschaffung von Metallteilen in China kann eine Menge eingespart werden.
Als Faustregel gilt: Je einfacher das zu beziehende Produkt konstruiert und je höher der Lohnkostenanteil daran ist, desto besser. Besonders bieten sich Metallteile mit einem gewissen Anteil an individueller Produktion an (z. B. normnahe Zeichnungsteile), denn sehr stark automatisierte und sich nicht verändernde Produktionsprozesse sind in China oft schon nicht mehr lohnenswert.
Nichtsdestotrotz bieten die globalen Entwickungstendenzen  – zumindest mittelfristig – für den Bereich Metallverarbeitung gute Wachstumschancen und enormes Einsparpotenzial, wenn bestimmte Prämissen mit in die Sourcing-Überlegungen einbezogen werden.

Aktuelle Tageskurse

Quelle: EZB, alle Angaben ohne Gewähr.